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Die Welt verändern, von innen heraus: Wie eine lebenslange Leidenschaft, anderen zu helfen, zur Gründung der David Lynch Foundation geführt hatte

Anderen helfen

EXKLUSIVER VORABDRUCK aus dem neuen Buch von Bob Roth, »Still werden – Kraft tanken«

Von   BOB ROTH

Dies ist ein Auszug aus dem letzten Kapitel von Bob Roths »Still werden – Kraft tanken. Mit Transzendentaler Meditation«. Es trägt den Titel »Meine eigene Geschichte«. Ein ausführliches Interview mit dem Autoren finden Sie hier.

Ich wuchs in der San Francisco Bay Area auf, in den 1950er- und 1960er-Jahren. Von meiner Mutter, einer Lehrerin, erbte ich meine Leidenschaft für Pädagogik, von meinem Vater, einem Radiologen, meine große Hochachtung vor der Wissenschaft und eine gesunde Portion Skepsis.

Ich wurde im Oktober 1968 von der University of California in Berkeley aufgenommen. Ich plante, in Berkeley Jura zu studieren, Anwalt zu werden und dann US-Senator, wie Bobby Kennedy. Ich dachte, Politik und politische Veränderung, das sei der Weg, das Leben der Menschen zu verbessern.

Dann wurde Bobby Kennedy ermordet. Das war gerade zwei Monate nach der Ermordung von Dr. Martin Luther King, Jr. Für den idealistischen Siebzehnjährigen, der ich war, war der Schmerz, der mit diesem Verlust verbunden war, schier unerträglich.

»Turbulent hoch zwei«

Das erste Jahr in Berkeley war extrem schwer. Die Universität befand sich in anhaltendem Aufruhr; die Antikriegsdemonstra­tionen entwickelten sich zum Aufstand. Hubschrauber versprühten Tränengas; vor meinem Wohnheim hatten Einsatzwagen der Polizei und Panzer der Nationalgarde Stellung bezogen.


Ich dachte, Politik und politische Veränderung, das sei der Weg, das Leben der Menschen zu verbessern.


Ich entsinne mich, wie ich nach einer Physikstunde die College Avenue entlanglief und hinter mir das Trampeln von Stiefeln hörte. Ich drehte mich um, und dreißig Bereitschaftspolizisten aus Oakland stürmten knüppelschwingend auf mich zu. Ich hatte nichts getan. Zum Glück war ich viel schneller als sie.

Ich war achtzehn, und das erste Jahr am College gilt sowieso als turbulent. Aber angesichts der Unruhen auf dem Campus war mein erstes Jahr turbulent hoch zwei. Zum ersten Mal in meinem privilegierten Leben bekam ich eine Ahnung davon, was es bedeutete, unstet, neben der Spur und unsicher zu sein. Schon Kleinigkeiten machten mir Sorgen, und meine überzogene Reaktion auf triviale Ereignisse machte alles noch schlimmer.

»Ein Feuer entfachen«

Der äußerst kontroverse Präsidentschaftswahlkampf 1968 zwischen Richard Nixon und Vizepräsident Hubert Humphrey desillusionierte mich. Mein Traum von einer politischen Karriere verflog. Nun war es die Begeisterung meiner Mutter für das Unterrichten, die mich inspirierte. Die Erinnerungen an die Arbeit mit einem Jungen aus Afrika, er hieß Kenny, und an seine Mutter kamen hinzu. Ich beschloss, meinen Doktor in Pädagogik zu machen.

Ich wollte mich auf die Erstellung von Lehrplänen spezialisieren. Kinder sollten nicht nur die Grundlagen lernen, wie etwa Algebra. Sie benötigten auch soziale und emotionale Instrumente, mit denen sie überleben und die Herausforderungen zumindest bewältigen konnten.

Dem irischen Dichter William Butler Yeats stimmte ich aus vollem Herzen zu: »Menschen bilden bedeutet nicht, ein Gefäß zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen.«

Während ich auf dieses Ziel hinarbeitete, jobbte ich bei Swensen’s, einem Eissalon auf der Durant Avenue, um nebenher etwas Geld zu verdienen. Er lag gleich im Norden der Telegraph Avenue, wo praktisch täglich gegen den Krieg in Vietnam demonstriert wurde. Und bei Swensen’s lernte ich einen Kollegen namens Peter Stevens kennen.


»Menschen bilden bedeutet nicht, ein Gefäß zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen.« – William Butler Yeats


Beherzter Sprung ins kalte Wasser

Sechs Monate hatte ich mit Peter bereits zusammengearbeitet, als ich eines Abends um zehn eine Pause beim Büffeln einlegte und zu Swensen’s ging, um mir ein Eis zu kaufen. Ich wusste, Peter hatte Spätschicht, aber ich konnte ihn nirgends sehen.

»Wo ist Peter?«, fragte ich eine andere Bedienung.

»Oh, der ist da hinten und meditiert«, antwortete sie.

»Was?«

Allein schon das Wort meditiert traf mich wie ein Blitz. Es rief allerlei seltsame Vorstellungen hervor und gehörte nun wirklich nicht zu meinem Wortschatz.

Aber dann kam er zurück an die Theke, und er war wie immer, einfach Peter, nur etwas fröhlicher als sonst, er lächelte mehr, und sein freundliches Gesicht strahlte noch mehr Gelassenheit aus. Das ließ mich aufhorchen.

Ich fragte ihn, was er da gemacht habe, und er meinte, er praktiziere Transzendentale Meditation. Ich hatte natürlich davon gehört. Anfang 1968 waren die Beatles nach Indien geflogen, sie wollten bei Maharishi ihr TM-Wissen vertiefen, und die Presse hatte groß berichtet.

Mit geschlossenen Augen dazusitzen und zu meditieren hatte mich nie besonders gereizt. Ich betrachtete mich als einen Menschen der Tat, als jemanden, der seine Sachen geregelt bekommt. Ich wollte die Welt verändern – dazu war es nötig, etwas zu tun. Auch dachte ich, dass das möglicherweise eine Philosophie sei oder eine Art Religion, und so etwas interessierte mich einfach nicht.


Aber dann kam er zurück an die Theke, und er war wie immer, einfach der Peter, nur etwas fröhlicher als sonst. Er lächelte mehr, und sein freundliches Gesicht strahlte noch mehr Gelassenheit aus. Das ließ mich aufhorchen.


Andererseits war ich doch ziemlich gestresst, und vor Peter hatte ich großen Respekt. Ich war neugierig geworden. Ich bat ihn, mir mehr zu erzählen.

Ich beschloss, ins kalte Wasser zu springen und einen sogenannten Einführungsvortrag zu besuchen.

»Man muss nicht an die Schwerkraft glauben«

Den Vortrag hielt eine Endzwanzigerin. Sie umriss die Grundlagen und den Nutzen der Praxis. Abschließend wollte sie wissen, ob jemand noch Fragen hätte. Ich hob die Hand und fragte: »Das klingt ja alles ganz schön – aber woran muss ich glauben, damit es funktioniert?«

Die Frau nickte freundlich. Dann hielt sie in der rechten Hand ein Stück Kreide hoch. Sie wartete einen Augenblick und ließ die Kreide dann in ihre linke Hand fallen, die sie darunter hielt.

»Man muss nicht an die Schwerkraft glauben, damit die Kreide fällt«, sagte sie. »Ebenso wenig müssen Sie an etwas glauben, wenn Sie TM praktizieren.« Man könne sogar, meinte sie, zu 100 Prozent skeptisch sein, und die Technik wirke dennoch.


»Sie müssen an gar nichts glauben, wenn Sie TM praktizieren. – TM-Lehrerin


Das kam bei mir an. Mir gefiel, dass ich skeptisch bleiben durfte und nicht an Transzendentale Meditation »glauben« musste, damit sie funktioniert.

Ich hatte eigentlich bei der ganzen Sache nur eine feste Überzeugung – dass ich der einzige Mensch sei, der nicht meditieren könne. Sie meinte, diese Befürchtungen hätten alle, und doch würde es jeder lernen.

»Es fühlte sich einzigartig und doch vertraut an, ganz natürlich«

Zwei Tage später, an einem sonnigen Samstagmorgen, es war der 28. Juni 1969, kehrte ich ins TM-Center zurück, um den Kurs zu beginnen. Meine Lehrerin war Sylvia Schmidt. Sie war Anfang dreißig, eine Akademikerin mit leiser und ruhiger Stimme. Ich ging mit ihr in das kleine Unterrichtszimmer im zweiten Stock des Centers.

»Okay, nun bin ich da«, dachte ich, als ich mich zu ihrer Linken auf einen bequemen Stuhl setzte.

Sylvia führte mich durch die ersten Schritte der Unterweisung, und ich spürte, wie mein Geist und mein Körper in einen Zustand tiefer Entspannung eintauchten.


Schon in meiner allerersten Meditation spürte ich nach wenigen Sekunden, wie ich von einer Welle körperlichen Friedens ergriffen wurde. Die Verspannungen in Nacken, Schultern und Bauch lösten sich auf – mein rastloser Geist beruhigte sich.


Man erinnere sich: Ich war ein verkrampfter, zutiefst skeptischer Achtzehnjähriger. Und dennoch: Schon in meiner allerersten Meditation spürte ich nach wenigen Sekunden, wie ich von einer Welle körperlichen Friedens ergriffen wurde. Die Verspannungen in Nacken, Schultern und Bauch lösten sich auf – mein rastloser Geist beruhigte sich.

Und doch war ich ganz bewusst, völlig wach. Es fühlte sich einzigartig und doch vertraut an, ganz natürlich.

Als die Meditation vorbei war, dachte ich: »Irgendwas ist da dran. Das ist nicht nur Einbildung oder Erwartung, da ist wirklich was dran.« Und einer meiner nächsten Gedanken war: »Das würde ich gern Kindern beibringen.«

»Der aufrichtige Wunsch, etwas Gutes für die Welt zu tun«

35 Jahre später: Ich gebe gerne Meditationskurse, und zwar allen Menschen. Die Arbeit mit Kindern nimmt jedoch einen besonderen Platz in meinem Leben ein. Ganz am Anfang wollte ich ja zu einer besseren Welt beitragen, und da fängt man am besten bei den Kindern an.

2004 traf ich einen Gleichgesinnten. Es war der berühmte Regisseur, Maler, Musiker, Holzschnitzer, Bildhauer und langjährige TM-Praktizierende David Lynch, von dem vorher schon die Rede war. Wir wurden schnell Freunde, wie Brüder. Zuerst arbeiteten wir gemeinsam an dem Projekt eines großen Meditations-Centers in Los Angeles.

Mehrere Monate danach sprach ich mit David und Dr. John Hagelin, einem in Harvard studierten Quantenphysiker, der die TM-Organisationen der USA leitet und Präsident der Maharishi University of Management® ist, über meinen lebenslangen Wunsch, TM jungen Menschen beizubringen.

»Wir sollten eine Stiftung gründen«, meinte ich.

»Gute Idee«, pflichteten David und John bei.

»Es sollte in deinem Namen geschehen, David«, warf ich ein.

»OK«, sagte er.

»Soll ich eine Presseerklärung aufsetzen, die die David Lynch Foundation bekannt gibt?«

»Klar doch«, meinte er. Er glaubte wohl, dass dabei nichts herauskommen würde.

Davids Stiftung wurde am 21. Juli 2005 aus der Taufe gehoben. Die Presseerklärung wurde von den wichtigsten Agenturen aufgegriffen, und binnen weniger Tage erschienen Artikel über die David Lynch Foundation in Tausenden von Zeitungen der ganzen Welt.

Es war tatsächlich so einfach. Kein großes Überlegen. Kein Fünf-Jahres-Businessplan. Nicht einmal Gelder. Nur der aufrichtige Wunsch, etwas Gutes für die Welt zu tun. Und so viel Gutes kam dabei heraus.

 


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► INTERVIEW: Enjoy TM News-Interview mit Bob Roth: über sein neues Buch, über das wachsende Interesse an Meditation in unserer Kultur und über die Zukunft der TM

► WEBCAST: Jerry Seinfeld, Hugh Jackman und Bob Roth auf der Party anlässlich des Erscheinens seines Buches Strength in Stillness, am 6. Februar 2018 auf TM.org.


 

Fotos: © TMHome.com. Text: © Kamphausen Media GmbH, Bielefeld 2018.