Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper – diese klassische Erkenntnis setzt TM-Lehrer Joachim Pfahl auch mit traumsensiblem Yoga (TSY) um. Es geht darum, nach belastenden Lebenssituationen wieder einen sicheren Zugang zum eigenen Körper und Vertrauen in das eigene Leben zu bekommen. Was ist TSY, wie hilft das traumatisierten Menschen, wollten wir in einem Interview von Joachim Pfahl wissen.
Foto oben: Joachim Pfahl
Herr Pfahl, Sie zählen zu den erfahrensten Lehrern für Transzendentale Meditation in Deutschland, standen im persönlichen Kontakt mit TM-Begründer Maharishi Mahesh Yogi, unterrichten neu nun auch die TM-Fortgeschrittenen-Techniken – und sind außerdem ein Experte für traumasensibles Yoga (TSY). Was muss man sich unter TSY vorstellen?
Unter traumasensiblem Yoga versteht man eine Form des Yoga, die speziell auf Menschen mit traumatischen Erfahrungen ausgerichtet ist. Dabei geht es nicht darum, bestimmte Übungen perfekt auszuführen, sondern wieder einen sicheren Zugang zum eigenen Körper zu finden. Viele traumatisierte Menschen erleben ihren Körper eher als Ort von Anspannung, Übererregung oder Abspaltung. TSY arbeitet sehr behutsam mit einfachen Bewegungen, Atemwahrnehmung und innerer Achtsamkeit. Entscheidend ist die Freiwilligkeit: Jede Übung ist ein Angebot, nichts muss gemacht werden. So können Menschen lernen, ihre Grenzen wahrzunehmen, Selbstregulation zu entwickeln und wieder Vertrauen in sich selbst und den eigenen Körper aufzubauen.
Yoga-Übungen sind ein wesentlicher Teil der Geist-Körper-Integration.
Für wen kommt traumsensibles Yoga in Frage, inwieweit kann dies Transzendentale Meditation als mentale Technik ergänzen?
Traumasensibles Yoga kommt grundsätzlich für Menschen in Frage, die merken, dass sie über den Körper schwer zur Ruhe finden oder das innere Anspannung, Schlafprobleme, Ängste, Erstarrung oder Übererregung ihren Alltag prägen. Das können Menschen mit klar benennbaren traumatischen Erfahrungen sein – aber auch Personen, die durch langanhaltenden Stress, Verlust, Krankheit, Burnout oder belastende Lebenssituationen aus dem inneren Gleichgewicht geraten sind. TSY kann hier eine gute Ergänzung zur Transzendentalen Meditation sein, weil es den Körper unmittelbar einbezieht.
Weniger in Alarmbereitschaft
Wie sind die Erfahrungen, die Menschen mit TSY machen? Inwieweit bereiten Sie Ihre Klienten damit auf die Transzendentale Meditation vor?
Die Erfahrungen mit TSY sind häufig sehr berührend, weil viele Menschen zum ersten Mal seit langer Zeit wieder erleben, dass ihr Körper nicht nur ein Ort von Schmerz, Angst oder Anspannung ist, sondern auch ein Ort von Sicherheit, Ruhe und Lebendigkeit sein kann. Gerade Menschen in schweren Lebenssituationen berichten, dass sie durch die einfachen, behutsamen Übungen wieder mehr Boden unter den Füßen spüren. Verloren gegangene Lebensqualität kehrt Schritt für Schritt zurück: Schlaf wird besser, innere Unruhe nimmt ab, das Vertrauen in den eigenen Körper wächst. Entscheidend ist dabei die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Die Betroffenen merken: Ich kann etwas tun, ich kann mich regulieren, ich bin meinen Reaktionen nicht einfach ausgeliefert. Dadurch finden viele wieder aus belastenden Lebenssituationen heraus und entwickeln neue Zuversicht.
Raum für tiefere Erfahrungen
Die Atemübung Pranayama als Teil des Yoga beruhigt den Geist und dient als Vorbereitung auf die TM.
Bei welchen traumatischen Vorbelastungen empfehlen Sie diese Methode?
Ich empfehle TSY vor allem Menschen, die durch traumatische Erfahrungen den Kontakt zu sich selbst und zum eigenen Körper teilweise verloren haben. Das kann bei Angststörungen, Depressionen oder nach schweren Belastungserfahrungen der Fall sein, aber auch bei Bindungstraumata, also wenn frühe Beziehungen nicht genügend Sicherheit, Schutz oder Verlässlichkeit vermittelt haben. Viele Betroffene leben dann innerlich in einem dauerhaften Alarmzustand oder fühlen sich vom eigenen Körper abgeschnitten.
Sicherheit, Achtsamkeit, Selbstwahrnehmung
Sie bieten in Ihrer Veda-Akademie auch Hilfe bei Burnout, Traumata, Lebenskrisen an. Wie gehen Sie bei diesem Mental-Coaching vor?
In meinem Mental-Coaching steht zunächst nicht die schnelle Lösung im Vordergrund, sondern die Frage: Was braucht dieser Mensch, um sich innerlich und körperlich wieder sicherer zu fühlen? Gerade bei Burnout, Traumata oder Lebenskrisen sind viele Betroffene nicht einfach nur erschöpft, sondern ihr gesamtes Nervensystem ist aus dem Gleichgewicht geraten. Manche leben in ständiger Anspannung und Überforderung, andere fühlen sich wie abgeschnitten, leer oder innerlich erstarrt. Daher arbeite ich sehr behutsam und individuell.
Vertrauen in das eigene Leben entwickeln
Joachim Pfahl ist Experte für Meditation und traumasensibles Yoga.
In Ihrer Biographie heißt es, Sie hätten sich außerdem an Meditationsprojekten in Schulen, Gefängnissen, im Militär und in Unternehmen in asiatischen Ländern wie den Philippinen und Thailand beteiligt. Wie muss man sich das vorstellen?
Diese Projekte muss man sich nicht als einzelne Meditationskurse vorstellen, sondern als umfassendere Programme, die in bestehende Institutionen eingebettet wurden. In Ländern wie Thailand oder den Philippinen gab es Kontakte zu höheren Entscheidungsträgern, und dadurch konnten Projekte entstehen, die weit über den privaten Unterricht hinausgingen. Wenn in Gefängnissen beispielsweise nicht nur einzelne Insassen, sondern größere Gruppen oder sogar alle Insassen gemeinsam mit dem Justizpersonal in ein Rehabilitationsprogramm einbezogen werden, verändert sich die Atmosphäre einer ganzen Einrichtung. Meditation wird dann Teil eines Rahmens von Ruhe, Selbstregulation und persönlicher Entwicklung.
Neue Entwicklungsräume öffnen
Sie haben mehrere Bücher über Ihre Yoga-Philosophie veröffentlicht. Eine neue Publikation steht unmittelbar bevor. Worum geht es in diesem neuen Buch?
In dem neuen Buch, das im November im Klett-Cotta Verlag in der Reihe „Leben lernen“ erscheint, geht es im Wesentlichen um die Trauma-Yogatherapie. Deshalb trägt das Buch auch einen entsprechenden Titel. Es stellt diese Arbeit nicht nur allgemein vor, sondern beschreibt sehr systematisch, wie Trauma-Yogatherapie in der Praxis angewendet werden kann – sowohl im Einzelsetting als auch in Gruppen.
Aus trauma-bedingten Mustern herausfinden
So sieht das neue Buch von Joachim Pfahl aus, das im November bei Klett-Cotta erscheint.
Vita
Neues Buch „Trauma-Yoga-Therapie“ erscheint im November
Kontaktdaten
Joachim Pfahl TSY-Yoga, TM-Meditation und Coaching
joachim.pfahl@meditation.de
info@yoga-und-meditation.com
www.yoga-und-meditation.com
www.traumasensiblesyoga.de
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