Weg in die „Lichtung des Seins“

28. Februar 2025

Einblicke in das Schaffen von Karl-Eckhard Carius: vom Studium der Kunst über den 68er-Rebell bis zum Lehrer für Transzendentale Meditation und Design-Professor. Ein Interview.

Foto oben: KE Carius. Foto: Jörg Kirschke

Sie waren Teil der Rebellion der 68er-Bewegung, mit einer radikalen Kritik an der Gesellschaft, den Universitäten – und gingen für Frieden und eine Weltveränderung auf die Straße. Was hat Sie als Künstler beziehungsweise Intellektueller dann bewegt, dass Sie in den siebziger Jahren begannen zu meditieren und schließlich TM-Lehrer wurden?

Ja, vom Brandstifter zum Friedensstifter . . . , die Spuren sind in meinem Buch CARIUS #68+ nachzulesen. Kritik und Meditation schließen sich für mich nicht aus. Allerdings änderte sich für mich durch TM, Ursache und Wirkung von Problemen besser einschätzen – und positiv denkend, effektiver handeln zu können.  

Tiefgreifendste Zäsur

Über die Phase der 68er-Protestbewegung, die Suche nach neuen Lebensformen, psychonautischer Experimente, dem Abenteuer der Entrückung begleitet vom Sound dieser Zeit – und den Winken philosophischer Wegweiser, gelangte ich in die „Lichtung des Seins“ (Heidegger) – bis ich dem indischen Weisen Maharishi Mahesh Yogi begegnete. Nach seiner Lehre begann ich 1970 zu meditieren. Das war für mich die tiefgreifendste Zäsur meines Lebens: die Betrachtung der Welt, ihrer Werte und Naturgesetze erhielt eine paradigmatische Wandlung – erhellend auf der Basis erweiterten Bewusstseins. Erstmals begriff ich, wie basal die individuelle Stärkung und Gesundung ist, um eine friedvolle gesellschaftliche Veränderung sowie ein kollektives Bewusstsein bewirken zu können.

Hatte Ihre Meditationserfahrung Einfluss auf Ihre künstlerische Arbeit?

Meine Meditationserfahrungen ließen auch mich, ohne aus dem Fenster schauen zu müssen, „die Wege des Himmels begreifen“ (George Harrison, The Inner Light): die Interaktionen zwischen Himmel und Erde und schließlich den unser Leben bestimmenden kosmologischen Prozess. Man muss es erfahren, verinnerlichen, um am Ort täglichen Geschehens seine individuelle Relation ausloten zu können. Im Sein gefestigt zu handeln, realisiert sich nicht auf der rationalen Ebene, der theoretischen Wissensaneignung. Transzendenzerfahrung ist der Schlüssel, der das Tor der Pforten der Wahrnehmung (Doors of Perception) öffnet. Natürlich hatten meine TM-Erfahrungen Einfluss auf meine künstlerische Arbeit – woraus sich auch der Leitfaden für meine pädagogische Arbeit bildete.

Spuren poetischer Interaktion

An jener Schwelle angekommen, von wo Fluss und Wandlung im innersten und gleichzeitig äußeren Kosmos für mich erkennbar wurden, begann ich Anfang der 1970er Jahre diese Einblicke seismografisch aufzuzeichnen, woraus Spuren poetischer Interaktion entstanden. Das wirkte sich auf meine plastischen Arbeiten aus. Eine Buch-Publikation ist hierzu in Arbeit.

OPEN LETTER, Tuschezeichnung, 1971, 82 x 52 cm, © Karl-Eckhard Carius

Cosmic Wheel

1971 arbeitete Carius am Entwurf Sun Wheel. In der Weiterentwicklung entstanden Entwürfe zum Projekt Cosmic Wheel, das er für die Weltausstellung Expo Lissabon 1998 – „Die Ozeane, ein Erbe für die Zukunft“ – plante. Die Wechselbeziehung zwischen Ozean und Kosmos wird im eigentlichen Wesen des Projekts thematisiert. Sinnbild für einen Kosmos, der die Meere umschließt. „Das Sichtbare und unsichtbare Ineinandergreifen in der Natur verdeutlicht, alles ist im Universum unmittelbar mit allem anderen verbunden. Alles wird ständig beeinflusst von allem anderen. Und wir mittendrin, Teil dieses Geschehens – ist das nicht wunderbar? Vorausgesetzt, die innere Dimension und Power sind den Anforderungen gewachsen.“

Obwohl das Unternehmen Siemens SA Portugal die Projektentwicklung förderte und sich für die Realisierung des Projektvorhabens engagierte, konnte Carius im Zuge seiner zwischenzeitlichen Berufung als Professor die Weiterführung des Projekts nicht mehr gewährleisten. Carius: „Ich sah es als meine primäre Pflicht, meine ästhetische und ethische Vision für eine kreativ ausgerichtete, bewusstseinsbasierte Lehrerbildung in den Vordergrund meiner Tätigkeit als Künstler mit pädagogischem Auftrag zu stellen.“

Cosmic Wheel, Entwurfsmodell 1993, eine beidseitig leicht konvex gewölbten Scheibe, auf deren Flächen sich in einem interaktiven Prozess Wirbel kosmischer Energie in einem mit Lichtimpulsen gesteuerten Linien beziehungsweise Formenspiel bewegen, als Spuren eines kosmischen Balletts. 

»Denkt daran, in die Sterne zu schauen, anstatt hinunter zu euren Füßen. Versucht zu verstehen, was ihr seht, macht euch Gedanken darüber, was das Universum existieren lässt. Seid neugierig. Wie schwer es auch erscheinen mag, es gibt immer etwas, das man tun kann und worin man erfolgreich sein kann. Es geht darum, nicht aufzugeben«.

STEPHEN HAWKING

Karl-Eckhard Carius, MORGEN, 1985, Portugiesischer Marmor, 70 x 73 x 25 cm. Foto: Mário Cabrita Gil, (Entwurf 1978). 
„Es ist ein Monument den Sonnengesängen würdig“ – schrieb dazu der Kunsthistoriker Prof. Dr. Ulrich Gertz 1986 in einem Brief an KE Carius.

In Ihrem Buch „Maieutisches Stöhnen“ setzen Sie sich kritisch mit dem gegenwärtigen Bildungssystem auseinander und dokumentieren die im Rahmen Ihrer Lehrtätigkeit entstandenen Projekte. Was war Ihr Konzept? 

Der Buchtitel bezieht sich auf den Begriff der sokratischen Lehre, der Maieutik. Sokrates‘ Mutter war Hebamme. Er verglich seine Hilfestellung beim Denken mit dieser Tätigkeit: Geburtshilfe = Denkhilfe, Unterstützung beim Hervorbringen. Da gerät man bisweilen ins Stöhnen, wenn man im gegenwärtigen Bildungssystem kreative, nachhaltige Pforten öffnen will – auf der Basis bewusstseinsbasierter Bildung.

Zuletzt erschienene Publikationen:

CARIUS #68+
Im Labyrinth der Ereignisse
Hg. Ralf Schnell
Mit einem Essay von Bazon Brock

DISTANZ Verlag, Berlin 2018
ISBN 978-3-95476-268-2
256 Seiten, 210 Farbabbildungen,
Hardcover

50 Jahre nach 68: Blicke auf Denkwege, Aktionen und antizipatorische Projekte des Künstlers Karl-Eckhard Carius. Das Buch enthält bislang unveröffentlichte Texte, autobiografische Reflexionen, Fotografien, Installationen, Zeichnungen und literarische Notate. Es ist ein Zeitdokument künstlerischer Praxis entstanden aus Aufbruch und Rebellion.

Karl-Eckhard Carius
Maieutisches Stöhnen
Über Ästhetische Bildung.
Ein Fall von Design-Poetik
Mit einem Essay von Bazon Brock
und einen Epilog von Ralf Schnell

ATHENA by wbv, Bielefeld 2022
ISBN: 9783763972401
228 S. Zahlreiche Farbabbildungen
Verfügbar auch als: E-Book

Carius setzt Maßstäbe für die Bildung von Lehrerinnen und Lehrern im Kontext Ästhetischer Bildung. Sein „Blick ins Land ästhetischer Unbildung“ zeichnet ein Bild der Agonie und verdeutlicht zugleich, wie sie zu überwinden ist. Bezogen auf seine Tätigkeit als Künstler und Professor für Designpädagogik, bezeichnet darin der Kunstphilosoph Bazon Brock Carius als einen „der einfallsreichsten Lehrkünstler der bundesrepublikanischen Hochzeit“.

Vita

Karl-Eckhard Carius (Berlin 1942), Bildhauer, Konzeptkünstler, Pädagoge, Autor. Sein künstlerisches Studium der Bildhauerei begann er 1962 an der durch das Bauhaus geprägten Werkkunstschule Wiesbaden. Nach dem Staatsexamen und dem zusätzlich erworbenen Diplom als Designer setzte er von 1966 bis 1971 sein Studium der Freien Kunst und Philosophie an der Universität der Künste Berlin fort. Er war Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und wurde Meisterschüler in der Bildhauerklasse von Bernhard Heiliger, einer der wichtigsten Bildhauer der deutschen Nachkriegsmoderne. Carius gehört zu seinen bedeutenden Schülern*. An der Deutschen Schule Lissabon entstand 1989-91 unter seiner künstlerischen Leitung das Skulpturenprojekt Goethe-Pessoa, eine einzigartige Begegnung deutscher und portugiesischer Kultur, die vom damaligen Staatspräsidenten Mário Soares mit einem Festakt eröffnet wurde. 1994 erhielt er den Ruf auf den Lehrstuhl für Designpädagogik und Intermediäre Gestaltung an der Uni Vechta. Er gründete 2003 das Institut für intermediäre Gestaltung, dessen Direktor er bis zur Emeritierung 2007 war.

1972 wurde er unter Leitung von Maharishi Mahesh Yogi Lehrer für Transzendentale Meditation. Danach folgten unzählige internationale Begegnungen mit MMY. Im Auftrag Maharishis leitete er von 1973 bis 1976 das MIU-Institut in Berlin.

Fußnote: *In: Bernhard Heiliger, 1915-1995, Monografie und Werkverzeichnis. S. 37

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